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Polarisierendes ULI Switzerland Summer Dinner

Ein ganz grosser Dank an die Redner Thomas Sevcik und Chris Choa

von Birgit Werner

“Something super extreme. Specialzonization? Parasovereignity? Nonhumanautomated content? Grand simulation / points games in cities? End of content?” Das waren die ersten Stichwörter, mit denen Thomas Sevcik von arthesia seinen Schlagabtausch mit seinem langjährigen Weggefährten Chris Choa von Aecom und Chair of Urban Land Institute/UK einleitete. Monatlich treffen sie sich in London, um bei einem Lunch die Zukunft der Stadtentwicklung und aktuelle Trends zu diskutieren und sich in ihren aktuellen Themenstellungen gegenseitig herauszufordern. Und genau das vollzogen sie vor den 55 Gästen des diesjährigen und damit fünften ULI Switzerland Summer Dinners am 27. August im Seeclub Zürich. Es glich einem Feuerwerk an die Branche bewegenden Themen, von verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet, wobei einzelne Aussagen auch polarisierten!

Non Human Real Estate als Ergebnis des fortschreitenden Automatisierungsprozesses kann weitaus höhere Erträge generieren als klassische Nutzungssegmente. Dieses Thema treibt Thomas Sevcik bei seinen letzten visionären Beratungsprojekten. Nie sei Automatisierung ohne Sozialisierung zu sehen, so Chris Choa. Orte zu schaffen, wo man sich trifft, spricht, berührt, das sei ein Schlüsselfaktor heutiger und morgiger Entwicklungen.

Autonomes Fahren ist vor allem vor dem Hintergrund der Sicherheit ein unverzichtbarer Fortschritt. Alkohol und Ablenkungen beim Autofahren sind beispielhaft nicht mehr von Relevanz. Die noch heute etwa 3 Parkplätze pro Auto werden in der fortschreitenden Sharing Economy auf ein notwendiges Mass reduziert, sind die Fahrzeuge öffentlich, nicht „besessen“. Dabei wird die Technik wird immer weniger im Auto sein, sondern aussen herum. Autos oder weitere Formen der Fortbewegung werden bei fortschreitend intelligenter Umgebung immer preiswerter. Auf der einen Seite kann autonomes Fahren Zersiedlung vorantreiben. Doch ist es eher als wirtschaftliches Modell in Überlagerung mit weiteren Verkehrsträgern und damit als Diener der Urbanisierung zu sehen. Zersiedlung nein, aber Speckgürtel im Sinne eines Donuts um eine Innenstadt herum, das ist vorstellbar. Hier ist das Nebeneinander von verschiedenen Kulturen, hier sind Spezialisierungen zu finden.

Direkte Demokratie im Vergleich zu bislang totalitären Staaten. Wir betrachten grosse städtische Entwicklungen in China und sind als Immobilienprofis hoch erfreut über Schnelligkeit und Umsetzungskonsequenz von Entwicklungen. China legt bei seiner Urbanisierung eine überzeugende Ingenieurskompetenz an den Tag; technische Kompetenzen stellen heute eine zentrale Rolle politischer Macht dar in dem mehr autoritären Regime als bislang totalitären Staat. Es lässt ahnen, dass derartig geführte Staaten immer erfolgreicher sein werden als Demokratien, ist die Zukunft über Algorithmus zu argumentieren. Doch wird in China gerade flächendeckend ein digitales Punktekonto eingeführt, um, plakativ formuliert, gute von schlechten Bürgern zu unterscheiden: wer seine Rechnungen zahlt, erhält Bonus-punkte; wer seine Rechnungen nicht zahlt, für den ist beispielsweise Bahnfahren verboten. Das Totalitäre befremdet.

Interessant ist, dass für städtische Entwicklungen in totalitären Staaten geltende Hebel im Ansatz auch in direkte Demokratien übersetzt werden. Beispielhaft Kings Cross in London, wo eine Immobiliengesellschaft auf eigenem Grund und Boden seit Mitte der 90er Jahre das grösste und interessanteste Redevelopment in London entwickeln konnte. Eine weitere Nuance wäre, auf eigenem Grund auch eigene Gesetzmässigkeiten gelten zu lassen. Die Tourismusentwicklung Andermatt ist ein weiteres Beispiel, wenngleich sich die Frage stellt, ob nicht stattdessen im Sinne nachhaltiger Verdichtung in bestehenden Ballungsräumen zu entwickeln sei, an-statt teure Infrastruktur für die Erschliessung eher verlassener Regionen aufzuwenden. Ein weiteres interessantes Beispiel ist, dass im Libanon nach dem Bürger-krieg der Politiker Harriri in den Immobilienmarkt eingriff. Er enteignete die früheren Besitzer und beteiligte sie an der Aktiengesellschaft Solidere s.a.l., die als PPP das Redevelopment des zerstörten Stadtkerns von Beirut verantwortet. Es gelten für So-lidere diverse geringere Auflagen und Freiheiten.

Make versus Made Money Städte. Bislang sind in Deutschland die Beispiele Berlin versus München oder auch Zürich anzuführen. Made Money Städte müssen aufpassen, nicht vom eigenen Erfolg überholt zu werden und zu träge für Veränderungen zu werden. Make Money Städte sind dagegen noch hungrig auf Erfolg und die Schere zwischen arm und reich ist noch nicht ausgeprägt. Doch auch in der Made Money Stadt Zürich sind hoch spannende Initiativen wie die genossenschaftlichen Entwicklungen Hunziker Areal und Kalkbreite möglich.

Thomas Sevcik und Chris Choa streiften in Windeseile weitere die Branche bewegenden Themen, folgend nur einzelne herausgegriffen. Overtourism in Venedig, dem durch Verkaufen von Tickets für das Museum Venedig, einem Themenpark als Teil Italiens, abzuhelfen ist. Trump ist nicht das Problem, sondern das Symptom. Drohnen werden unseren Alltag beherrschen, wobei militärische Einsatzfähigkeit grosse Sorge bereitet.

Im Sinne der Verantwortung, die aus dem Publikum eingebracht wurde, wurde zum Abschluss noch einmal herausgestellt, dringend alle wesentlichen Ressourcen im Sinne der Verdichtung in Städten zusammenzuführen. Chris Choa führte ein Bei-spiel in Norwegen jenseits jeglicher Verdichtung an, wo mit einer Konzerthalle und Universität neues Leben generiert werden sollte. „Let it go“, „Connect or die”, lasst diese Orte im klassischen Sinne fallen, das sein Petitum. Thomas Sevcik ergänzte, dass eine Zukunft durch Non-Human Real Estate, Automatisierung, auch an diesen Orten vielleicht wieder Potenzial bietet.

Der Schlagabtausch der langjährigen Weggefährten wurde unterstützt durch ein reges Publikum, das den Abend am See bei einem Flying Dinner ausklingen liess.
Ich danke an dieser Stelle nicht nur herzlich Thomas Sevcik und Chris Choa für ihre so überzeugende Darbietung in ungewöhnlichem Format, sondern auch den beiden Sponsoren des Abends, Swiss Prime Site sowie der Privatbank Rahn+Bodmer.

Autorin:

Birgit Werner MRICS
Local Chair Zurich
ULI Switzerland

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